COVID-19 - SCHWANGERSCHAFT, GEBURT und STILLEN - aktuelle Studienlage


Die Studienlage zu den Auswirkungen einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 während Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit ist zwar stetig wachsend, aber immer noch sehr begrenzt, Langzeitstudien fehlen, sodass viele Fragen noch nicht sicher beantwortet werden können. Wir fassen hier das zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses (29.5.2020) aktuellste Wissen für Sie zusammen.

SARS-CoV-2: Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus 2, Erreger der aktuellen Pandemie, meist einfach als »Coronavirus« bezeichnet

COVID-19: Coronavirus Disease 2019, Erkrankung durch Infektion mit SARS-CoV-2

COVID-19 und Schwangerschaft

Obwohl aufgrund der physiologischen und immunologischen Anpassungsvorgänge während der Schwangerschaft eine erhöhte Empfänglichkeit für Infektionen anzunehmen wäre (9, 12, 14, 15), dürften sich Schwangere nicht leichter mit SARS-CoV-2 anstecken als andere Personen (6, 20). Mit SARS-CoV-2 infizierte Schwangere scheinen auch nur selten (schwere) Symptome zu entwickeln. Derzeit ergeben sich keine Hinweise, dass Schwangere durch eine Infektion mehr gefährdet sind als andere Personen (3, 4, 6, 7, 9, 12-16, 19), was möglicherweise auch daran liegt, dass sie sich nicht im typischen »Risikoalter« befinden (9, 17) oder »eben noch besser auf sich und ihr Kind aufpassen« (20). Da Veränderungen des Immunsystems in der Schwangerschaft mitunter schwerere Verläufe bei anderen Infektionserkrankungen bedingen (9), werden Schwangere dennoch besonders dazu angehalten, Empfehlungen zum Schutz vor Ansteckung einzuhalten (3, 19).

Da die allermeisten Kinder von SARS-CoV-2-infizierten Frauen gesund geboren wurden (14), gilt es als unwahrscheinlich, dass es während der Schwangerschaft zu einer Übertragung des Virus auf das Ungeborene kommen kann (»vertikale Transmission«) (3, 4, 6, 7, 9, 12, 13). Daher wird auch davon ausgegangen, dass eine Infektion der Mutter in der Schwangerschaft zu keinen Fehlbildungen des Kindes führt (7, 9, 13, 16). Aufgrund einiger weniger Fallberichte ist die Möglichkeit einer Übertragung jedoch nicht mit Sicherheit ausschließbar (12-14, 16). Bisher gibt es auch keine Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Fehl- (7, 9, 13, 16) oder Frühgeburten, wie dies aufgrund der ersten Fallberichte aus Wuhan vermutet wurde (13, 17).

COVID-19 und Geburt

Einer SARS-CoV-2-infizierten Frau wird empfohlen, keine Haus- oder Geburtshausgeburt anzustreben, sondern zum Gebären eine Klinik aufzusuchen (6, 7, 16), damit unter sowie 48 Stunden nach der Geburt eine kontinuierliche Überwachung des Kindes möglich ist (6, 17).

Eine Infektion des Kindes im Geburtskanal gilt aktuell als unwahrscheinlich (6, 16, 17). Es gibt derzeit keine gesicherten Anhaltspunkte, dass eine Vaginalgeburt nachteilig oder ein Kaiserschnitt sicherer wäre (6, 12, 13, 16, 19). Nationale und internationale Fachgesellschaften (4, 6, 13, 16, 19) sprechen sich dafür aus, den Geburtsmodus individuell anhand geburtshilflicher Indikationen bzw. dem Wunsch der Frau festzulegen. Die Art der Geburt sollte nicht durch das Vorhandensein einer SARS-CoV-2-Infektion beeinflusst werden, es sei denn, der Atemzustand der Frau erfordert eine dringende Entbindung (7, 16). Bei Bedarf können sowohl eine Regionalanästhesie (»Kreuzstich«) (7, 9, 13, 16) als auch eine Vollnarkose (13) durchgeführt werden, die Verwendung von Lachgas (7, 9, 13) sowie Wassergeburten (13, 16) sollten eher vermieden werden.

COVID-19 und Stillen

Verschiedene nationale und internationale Gremien (4, 6, 7, 10, 13, 16, 18, 19) sprechen sich auch bei SARS-CoV-2-positiver Mutter gegen eine Trennung von Mutter und Kind nach der Geburt aus, sofern es dem Kind gut geht und dies dem Wunsch der Eltern entspricht. Ein ausführliches Gespräch mit der betroffenen Familie über Risiken und Vorteile sollte dieser Entscheidung vorangehen (7, 16). Eine Trennung scheint sinnvoll, wenn der mütterliche Gesundheitszustand eine intensivmedizinische Behandlung notwendig macht (6, 13) – auch hier sollte die Mutter ihr Kind aber zeitweise sehen können (10) und der Hautkontakt nach Gesundung intensiv nachgeholt werden (6). Es wird davon ausgegangen, dass die anerkannten Vorteile des Stillens die potenziellen Risiken einer Übertragung des Coronavirus überwiegen (7, 13, 16). Gerade in Zeiten einer Pandemie ist es wünschenswert, dass das Neugeborene vom immunologischen Schutz des Stillens profitieren kann (6).

Bis Mitte Mai war weltweit kein Fall bekannt, bei dem SARS-CoV-2 in Muttermilch nachgewiesen wurde (6, 13, 16). Inzwischen wurde ein Fallbericht veröffentlicht, in dem Virus-RNA in einer Muttermilchprobe gefunden wurde (5, 6, 8, 14). Da die Bedeutung dieser Entdeckung noch nicht klar ist (5, 14), wurden die Empfehlungen bezüglich Stillen bisher noch nicht verändert (5, 6). Bonding und Stillen werden also trotz Infektion empfohlen, solange sich die Mutter gesundheitlich dazu in der Lage fühlt (3, 4, 6, 7, 12, 19). Folgende Maßnahmen werden angeraten, um eine Übertragung auf das Kind zu vermeiden (3, 4, 6, 7, 16):

  • gründliches Händewaschen und -Desinfizieren vor und nach dem Stillen, vor und nach jedem Kontakt zum Kind sowie vor und nach Berührung sämtlicher möglicherweise notwendiger Utensilien
  • Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes bei jedem Kontakt mit dem Kind. Das Europäische Institut für Stillen und Laktation empfiehlt, auf den Mund-Nasen-Schutz einen Mund und Nasenlöcher aufzumalen, um das Erkennen des Gesichtsschemas für Neugeborene zu ermöglichen (6).

Eine Alternative ist das Abpumpen von Muttermilch und Füttern durch eine gesunde Person. Auch hier ist auf gründliche Händehygiene sowie auf die Sterilisation aller Utensilien nach jedem Pumpvorgang zu achten. (4, 6, 7, 13, 16)

Kommt es während der Stillzeit zu einer Infektion, sollte das Stillen nicht unterbrochen werden. Es ist davon auszugehen, dass das Kind bereits seit Tagen dem Virus ausgesetzt war und die Muttermilch Antikörper gegen den Erreger enthält (18).

Sämtliche Empfehlungen können sich ändern, wenn sich das Wissen über das neue Virus weiterentwickelt.

Literaturverzeichnis:

  1. ZDF-heute: Covid-19 in der Schwangerschaft. So gefährlich ist das Virus für werdende Mütter. Eine Kurzreportage. Im Internet: https://www.zdf.de/nachrichten/video/panorama-schwanger-corona-100.html; Zugriff am 29.5.2020
  2. Verband der Still- und LaktationsberaterInnen Österreichs IBCLC (VSLÖ): VSLÖ Empfehlung Corona-Virus COVID-19 und Stillen. (Stand: 14.3.2020) Im Internet: https://www.stillen.at/vsloe-empfehlung-corona-virus-covid-19-und-stillen/; Zugriff am 29.5.2020
  3. Royal College of Obstetricians and Gynaecologists (RCOG): Coronavirus (COVID-19) Infection in Pregnancy. Im Internet: https://www.rcog.org.uk/en/guidelines-research-services/guidelines/coronavirus-pregnancy/covid-19-virus-infection-and-pregnancy/#recently; Zugriff am 29.5.2020
  4. Robert Koch Institut (RKI): Klinische Aspekte: Was ist über COVID-19 bei Schwangeren bekannt? (Stand: 29.5.2020) Im Internet: https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/NCOV2019/FAQ_Liste_Klinische_Aspekte.html#FAQId13787344; Zugriff am 29.5.2020
  5. Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH (AGES): Zählen Schwangere zur Risikogruppe? (Stand: 28.5.2020) Im Internet: https://www.ages.at/themen/krankheitserreger/coronavirus/; Zugriff am 29.5.2020
  6. Linderkamp O et al.: Stellungnahme: Ist die Trennung von Mutter und Kind zu verantworten, wenn bei der Mutter ein Risiko, Verdacht oder Nachweis einer Coronavirus-2 Infektion besteht? Im Internet: https://www.greenbirth.de/images/Linderkamp_Trennung_2_30.pdf; Zugriff am 29.5.2020
  7. Groß R et al.: Detection of SARS-CoV-2 in human breastmilk. Im Internet: https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736%2820%2931181-8/fulltext; Zugriff am 29.5.2020
  8. Europäisches Institut für Stillen und Laktation (EISL): Coronavirus/COVID-19 und Stillen: Aktuelle internationale Empfehlungen. (Stand: 29.5.2020) Im Internet: http://www.stillen-institut.com/de/coronavirus-covid-19-und-stillen-aktuelle-empfehlungen.html; Zugriff am 29.5.2020
  9. Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG): Empfohlene Präventionsmaßnahmen für die geburtshilfliche Versorgung in deutschen Krankenhäusern und Kliniken im Zusammenhang mit dem Coronavirus. (Stand: 19.3.2020) Im Internet: https://www.dggg.de/fileadmin/documents/Weitere_Nachrichten/2020/COVID-19_DGGG-Empfehlungen_fuer_Kreissaele_20200319_f.pdf; Zugriff am 29.5.2020
  10. Becker MA: Coronavirus: Was bisher über SARS-CoV-2 bekannt ist. Die Hebamme 2020; 33: 17-22; Im Internet: https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/html/10.1055/a-1110-2007; Zugriff am 29.5.2020
  11. Altmann C: COVID-19 in der Schwangerschaft – welche Erkenntnisse liegen bisher vor? Im Internet: https://www.hipp-fachkreise.de/forschung-studien/hebammenwissen-spezial/covid-19-in-der-schwangerschaft-welche-erkenntnisse-liegen-bisher-vor/; Zugriff am 29.5.2020
  12. Centers for Disease Control and Prevention (CDC): If You Are Pregnant, Breastfeeding, or Caring for Young Children. (Stand: 13.5.2020) Im Internet: https://www.cdc.gov/coronavirus/2019-ncov/need-extra-precautions/pregnancy-breastfeeding.html; Zugriff am 29.5.2020
  13. Deutsche Hebammen Zeitschrift (DHZ): Untersuchung aus Ulm: RNA des Corona-Virus in Muttermilch nachgewiesen. Im Internet: https://www.dhz-online.de/news/covid-19-news/detail/artikel/rna-des-coronavirus-in-muttermilch-nachgewiesen/; Zugriff am 29.5.2020
  14. German Board and College of Obstetrics ans Gynecology (GBCOG): FAQ für schwangere Frauen und ihre Familien. (Stand: 20.3.2020) Im Internet: http://www.dggg.de/fileadmin/documents/Weitere_Nachrichten/2020/20200320_GBCOG_FAQ_Corona.pdf; Zugriff am 29.5.2020
  15. Kranke P et al.: Geburtshilfliche Anästhesie während der SARS-CoV-2-Pandemie: Übersicht der Handlungsempfehlungen. Anästhesiol Intensivmed Schmerzther 2020; 55: 266-274; Im Internet: https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/pdf/10.1055/a-1144-5562.pdf; Zugriff am 29.5.2020
  16. Mitteldeutscher Rundfunk (MDR): Infektion COVID-19 Corona: Wie gefährdet sind Schwangere und Babys? Im Internet: https://www.mdr.de/wissen/corona-virus-schwangere-und-neugeborene-100.html; Zugriff am 29.5.2020
  17. Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (OEGGG): Leitfaden zum Umgang mit COVID-19 während Schwangerschaft und Wochenbett: Informationen der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (OEGGG). (Stand: 13.5.2020) Im Internet: www.oegg.at; Zugriff am 29.5.2020
  18. Robert Koch Institut (RKI): SARS-CoV-2 Steckbrief zur Coronavirus-Krankheit-2019 (COVID-19). (Stand: 29.5.2020) Im Internet: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Steckbrief.html; Zugriff am 29.5.2020
  19. Stumpfe FM et al.: SARS-CoV-2-Infektion in der Schwangerschaft – eine Übersichtsarbeit über die aktuelle Literatur und mögliche Einflüsse auf das maternale und neonatale Outcome. Geburtsh Frauenheilk 2020; 80: 380-390; Im Internet: https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/pdf/10.1055/a-1134-5951.pdf?articleLanguage=de; Zugriff am 29.5.2020
  20. World Health Organization (WHO): Q&A: Pregnancy, childbirth and COVID-19. (Stand: 18.3.2020) Im Internet: https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019/question-and-answers-hub/q-a-detail/q-a-on-covid-19-pregnancy-and-childbirth; Zugriff am 29.5.2020
  21. Unicef: Coronavirus: Das sollten Eltern und Schwangere wissen. (Stand: 16.4.2020) Im Internet: https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/blog/coronavirus-was-eltern-und-schwangere-jetzt-wissen-sollten/211680; Zugriff am 29.5.2020

Lazarettgasse 8/1B/1, 1090 Wien, Österreich
Tel.: +43 1 408 80 22

© 2019 Hebammenzentrum

Mo, Di, Do: 9-13 / Mi: 9-13 und 14-17
freie-hebammen[at]hebammenzentrum.at
Verein freier Hebammen

Mit der Nutzung unserer Webseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen