COVID-19 - SCHWANGERSCHAFT, GEBURT und STILLEN - aktuelle Studienlage


Die Studienlage zu den Auswirkungen einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 während Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit ist zwar stetig wachsend, aber immer noch sehr begrenzt, Langzeitstudien fehlen, sodass viele Fragen noch nicht sicher beantwortet werden können. Wir fassen hier das aktuellste Wissen (Stand 9.10.2020) für Sie zusammen.

SARS-CoV-2: Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus 2, Erreger der aktuellen Pandemie, meist einfach als »Coronavirus« bezeichnet

COVID-19: Coronavirus Disease 2019, Erkrankung durch Infektion mit SARS-CoV-2

COVID-19 und Schwangerschaft

Obwohl aufgrund der physiologischen und immunologischen Anpassungsvorgänge während der Schwangerschaft eine erhöhte Empfänglichkeit für Infektionen anzunehmen wäre (9, 12, 14, 15), dürften sich Schwangere nicht leichter mit SARS-CoV-2 anstecken als andere Personen (6, 20). Mit SARS-CoV-2 infizierte Schwangere scheinen auch nur selten (schwere) Symptome zu entwickeln. Derzeit ergeben sich keine Hinweise, dass Schwangere durch eine Infektion mehr gefährdet sind als andere Personen (3, 4, 6, 7, 9, 12-16, 19), was möglicherweise auch daran liegt, dass sie sich nicht im typischen »Risikoalter« befinden (9, 17) oder »eben noch besser auf sich und ihr Kind aufpassen« (20). Da Veränderungen des Immunsystems in der Schwangerschaft mitunter schwerere Verläufe bei anderen Infektionserkrankungen bedingen (9), werden Schwangere dennoch besonders dazu angehalten, Empfehlungen zum Schutz vor Ansteckung einzuhalten (3, 19, 22).

Da die allermeisten Kinder von SARS-CoV-2-infizierten Frauen gesund geboren werden (14), galt es zunächst als unwahrscheinlich, dass es während der Schwangerschaft zu einer Übertragung des Virus auf das Ungeborene kommen könne (»vertikale Transmission«) (3, 4, 6, 7, 9, 12-14, 16). In einem im Juli 2020 publizierten Fallbericht aus Frankreich wurde erstmals eine Infektion eines Kindes im Mutterleib über die Plazenta nachgewiesen (21). Die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung stellt sich gegenwärtig aber als relativ gering dar, noch kleiner ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder auch ernsthafte Symptome zeigen (22). Auf ein erhöhtes Risiko für Fehlbildungen, Fehl- oder Frühgeburten gibt es bisher keine Hinweise, wie dies aufgrund der ersten Fallberichte aus Wuhan vermutet wurde (7, 9, 13, 16, 17). Experten betonen weiterhin, dass eine SARS-CoV-2-Infektion während der Schwangerschaft kein signifikanter Risikofaktor für Mütter und Babys ist (22).

COVID-19 und Geburt

Einer SARS-CoV-2-infizierten Frau wird empfohlen, keine Haus- oder Geburtshausgeburt anzustreben, sondern zum Gebären eine Klinik aufzusuchen (6, 7, 16), damit unter sowie 48 Stunden nach der Geburt eine kontinuierliche Überwachung des Kindes möglich ist (6, 17).

Eine Infektion des Kindes im Geburtskanal gilt aktuell als unwahrscheinlich (6, 16, 17). Es gibt derzeit keine gesicherten Anhaltspunkte, dass eine Vaginalgeburt nachteilig oder ein Kaiserschnitt sicherer wäre (6, 12, 13, 16, 19). Nationale und internationale Fachgesellschaften (4, 6, 13, 16, 19) sprechen sich dafür aus, den Geburtsmodus individuell anhand geburtshilflicher Indikationen bzw. dem Wunsch der Frau festzulegen. Die Art der Geburt sollte nicht durch das Vorhandensein einer SARS-CoV-2-Infektion beeinflusst werden, es sei denn, der Atemzustand der Frau erfordert eine dringende Entbindung (7, 16). Bei Bedarf können sowohl eine Regionalanästhesie (»Kreuzstich«) (7, 9, 13, 16) als auch eine Vollnarkose (13) durchgeführt werden, die Verwendung von Lachgas (7, 9, 13) sowie Wassergeburten (13, 16) sollten eher vermieden werden.

COVID-19 und Stillen

Verschiedene nationale und internationale Gremien (4, 6, 7, 10, 13, 16, 18, 19) sprechen sich auch bei SARS-CoV-2-positiver Mutter gegen eine Trennung von Mutter und Kind nach der Geburt aus, sofern es dem Kind gut geht und dies dem Wunsch der Eltern entspricht. Ein ausführliches Gespräch mit der betroffenen Familie über Risiken und Vorteile sollte dieser Entscheidung vorangehen (7, 16). Eine Trennung scheint sinnvoll, wenn der mütterliche Gesundheitszustand eine intensivmedizinische Behandlung notwendig macht (6, 13) – auch hier sollte die Mutter ihr Kind aber zeitweise sehen können (10) und der Hautkontakt nach Gesundung intensiv nachgeholt werden (6). Es wird davon ausgegangen, dass die anerkannten Vorteile des Stillens die potenziellen Risiken einer Übertragung des Coronavirus überwiegen (7, 13, 16). Gerade in Zeiten einer Pandemie ist es wünschenswert, dass das Neugeborene vom immunologischen Schutz des Stillens profitieren kann (6).

Bis Mitte Mai war weltweit kein Fall bekannt, bei dem SARS-CoV-2 in Muttermilch nachgewiesen wurde (6, 13, 16). Inzwischen wurde ein Fallbericht veröffentlicht, in dem Virus-RNA in einer Muttermilchprobe gefunden wurde (5, 6, 8, 14). Da die Bedeutung dieser Entdeckung noch nicht klar ist (5, 14), wurden die Empfehlungen bezüglich Stillen bisher noch nicht verändert (5, 6). Bonding und Stillen werden also trotz Infektion empfohlen, solange sich die Mutter gesundheitlich dazu in der Lage fühlt (3, 4, 6, 7, 12, 19). Folgende Maßnahmen werden angeraten, um eine Übertragung auf das Kind zu vermeiden (3, 4, 6, 7, 16):

  • gründliches Händewaschen und -Desinfizieren vor und nach dem Stillen, vor und nach jedem Kontakt zum Kind sowie vor und nach Berührung sämtlicher möglicherweise notwendiger Utensilien
  • Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes bei jedem Kontakt mit dem Kind. Das Europäische Institut für Stillen und Laktation empfiehlt, auf den Mund-Nasen-Schutz einen Mund und Nasenlöcher aufzumalen, um das Erkennen des Gesichtsschemas für Neugeborene zu ermöglichen (6).

Eine Alternative ist das Abpumpen von Muttermilch und Füttern durch eine gesunde Person. Auch hier ist auf gründliche Händehygiene sowie auf die Sterilisation aller Utensilien nach jedem Pumpvorgang zu achten. (4, 6, 7, 13, 16)

Kommt es während der Stillzeit zu einer Infektion, sollte das Stillen nicht unterbrochen werden. Es ist davon auszugehen, dass das Kind bereits seit Tagen dem Virus ausgesetzt war und die Muttermilch Antikörper gegen den Erreger enthält (18).

Sämtliche Empfehlungen können sich ändern, wenn sich das Wissen über das neue Virus weiterentwickelt.

Literaturverzeichnis:

  1. Becker MA: Coronavirus: Was bisher über SARS-CoV-2 bekannt ist. Die Hebamme 2020; 33: 17-22; Im Internet: https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/html/10.1055/a-1110-2007; Zugriff am 29.5.2020

  2. Altmann C: COVID-19 in der Schwangerschaft – welche Erkenntnisse liegen bisher vor? Im Internet: https://www.hipp-fachkreise.de/forschung-studien/hebammenwissen-spezial/covid-19-in-der-schwangerschaft-welche-erkenntnisse-liegen-bisher-vor/; Zugriff am 29.5.2020

  3. Centers for Disease Control and Prevention (CDC): If You Are Pregnant, Breastfeeding, or Caring for Young Children. (Stand: 13.5.2020) Im Internet: https://www.cdc.gov/coronavirus/2019-ncov/need-extra-precautions/pregnancy-breastfeeding.html; Zugriff am 29.5.2020

  4. Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG): Empfohlene Präventionsmaßnahmen für die geburtshilfliche Versorgung in deutschen Krankenhäusern und Kliniken im Zusammenhang mit dem Coronavirus. (Stand: 19.3.2020) Im Internet: https://www.dggg.de/fileadmin/documents/Weitere_Nachrichten/2020/COVID-19_DGGG-Empfehlungen_fuer_Kreissaele_20200319_f.pdf; Zugriff am 29.5.2020

  5. Deutsche Hebammen Zeitschrift (DHZ): Untersuchung aus Ulm: RNA des Corona-Virus in Muttermilch nachgewiesen. Im Internet: https://www.dhz-online.de/news/covid-19-news/detail/artikel/rna-des-coronavirus-in-muttermilch-nachgewiesen/; Zugriff am 29.5.2020

  6. Europäisches Institut für Stillen und Laktation (EISL): Coronavirus/COVID-19 und Stillen: Aktuelle internationale Empfehlungen. (Stand: 29.5.2020) Im Internet: http://www.stillen-institut.com/de/coronavirus-covid-19-und-stillen-aktuelle-empfehlungen.html; Zugriff am 29.5.2020

  7. German Board and College of Obstetrics ans Gynecology (GBCOG): FAQ für schwangere Frauen und ihre Familien. (Stand: 20.3.2020) Im Internet: http://www.dggg.de/fileadmin/documents/Weitere_Nachrichten/2020/20200320_GBCOG_FAQ_Corona.pdf; Zugriff am 29.5.2020

  8. Groß R et al.: Detection of SARS-CoV-2 in human breastmilk. Im Internet: https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736%2820%2931181-8/fulltext; Zugriff am 29.5.2020

  9. Kranke P et al.: Geburtshilfliche Anästhesie während der SARS-CoV-2-Pandemie: Übersicht der Handlungsempfehlungen. Anästhesiol Intensivmed Schmerzther 2020; 55: 266-274; Im Internet: https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/pdf/10.1055/a-1144-5562.pdf; Zugriff am 29.5.2020

  10. Linderkamp O et al.: Stellungnahme: Ist die Trennung von Mutter und Kind zu verantworten, wenn bei der Mutter ein Risiko, Verdacht oder Nachweis einer Coronavirus-2 Infektion besteht? Im Internet: https://www.greenbirth.de/images/Linderkamp_Trennung_2_30.pdf; Zugriff am 29.5.2020

  11. Mitteldeutscher Rundfunk (MDR): Infektion COVID-19 Corona: Wie gefährdet sind Schwangere und Babys? Im Internet: https://www.mdr.de/wissen/corona-virus-schwangere-und-neugeborene-100.html; Zugriff am 29.5.2020

  12. Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH (AGES): Zählen Schwangere zur Risikogruppe? (Stand: 28.5.2020) Im Internet: https://www.ages.at/themen/krankheitserreger/coronavirus/; Zugriff am 29.5.2020

  13. Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (OEGGG): Leitfaden zum Umgang mit COVID-19 während Schwangerschaft und Wochenbett: Informationen der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (OEGGG). (Stand: 13.5.2020) Im Internet: www.oegg.at; Zugriff am 29.5.2020

  14. Robert Koch Institut (RKI): Klinische Aspekte: Was ist über COVID-19 bei Schwangeren bekannt? (Stand: 29.5.2020) Im Internet: https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/NCOV2019/FAQ_Liste_Klinische_Aspekte.html#FAQId13787344; Zugriff am 29.5.2020

  15. Robert Koch Institut (RKI): SARS-CoV-2 Steckbrief zur Coronavirus-Krankheit-2019 (COVID-19). (Stand: 29.5.2020) Im Internet: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Steckbrief.html; Zugriff am 29.5.2020

  16. Royal College of Obstetricians and Gynaecologists (RCOG): Coronavirus (COVID-19) Infection in Pregnancy. Im Internet: https://www.rcog.org.uk/en/guidelines-research-services/guidelines/coronavirus-pregnancy/covid-19-virus-infection-and-pregnancy/#recently; Zugriff am 29.5.2020

  17. Stumpfe FM et al.: SARS-CoV-2-Infektion in der Schwangerschaft – eine Übersichtsarbeit über die aktuelle Literatur und mögliche Einflüsse auf das maternale und neonatale Outcome. Geburtsh Frauenheilk 2020; 80: 380-390; Im Internet: https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/pdf/10.1055/a-1134-5951.pdf?articleLanguage=de; Zugriff am 29.5.2020

  18. Verband der Still- und LaktationsberaterInnen Österreichs IBCLC (VSLÖ): VSLÖ Empfehlung Corona-Virus COVID-19 und Stillen. (Stand: 14.3.2020) Im Internet: https://www.stillen.at/vsloe-empfehlung-corona-virus-covid-19-und-stillen/; Zugriff am 29.5.2020

  19. World Health Organization (WHO): Q&A: Pregnancy, childbirth and COVID-19. (Stand: 18.3.2020) Im Internet: https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019/question-and-answers-hub/q-a-detail/q-a-on-covid-19-pregnancy-and-childbirth; Zugriff am 29.5.2020

  20. ZDF-heute: Covid-19 in der Schwangerschaft. So gefährlich ist das Virus für werdende Mütter. Eine Kurzreportage. Im Internet: https://www.zdf.de/nachrichten/video/panorama-schwanger-corona-100.html; Zugriff am 29.5.2020

  21. Vivante AJ et al.: Transplcental transmission of SARS-CoV-2 infection. Nature communications 2020; Im Internet: https://www.nature.com/articles/s41467-020-17436-6; Zugriff am 9.10.2020

  22. Die Presse: Ärzte wiesen Coronavirus-Übertragung auf Baby während Schwangerschaft nach. Im Internet: https://www.diepresse.com/5839618/arzte-wiesen-coronavirus-ubertragung-auf-baby-wahrend-schwangerschaft-nach; Zugriff am 9.10.2020

  23. Unicef: Coronavirus: Das sollten Eltern und Schwangere wissen. (Stand: 16.4.2020) Im Internet: https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/blog/coronavirus-was-eltern-und-schwangere-jetzt-wissen-sollten/211680; Zugriff am 29.5.2020

Lazarettgasse 8/1B/1, 1090 Wien, Österreich
Tel.: +43 1 408 80 22

© 2019 Hebammenzentrum

Mo, Di, Do: 9-13 / Mi: 9-13 und 14-17
freie-hebammen[at]hebammenzentrum.at
Verein freier Hebammen

Mit der Nutzung unserer Webseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen