PRÄNATALDIAGNOSTIK

   - eine Selbstverständlichkeit in der Schwangerenvorsorge!?


Maga Edeltraud Voill

 

Es ist heute normal, pränataldiagnostische Untersuchungen durchführen zu lassen, keine dieser Untersuchungen ist jedoch verpflichtend. Mit diesem Text der Psychologin Maga Edeltraud Voill möchten wir Ihnen Hintergrundinformationen geben, die Ihnen helfen sollen, eine informierte Entscheidung zu treffen, ob und welche Untersuchungen Sie in Anspruch nehmen möchten.

Pränataldiagnostik (PND) ist in den letzten Jahren zu einem selbstverständlichen Bestandteil der Schwangerenvorsorge geworden. Sie erweckt den Anschein der Kontrollierbarkeit von Schwangerschaft und Geburt, der Machbarkeit gesunder bzw. nicht-behinderter Kinder sowie der zuverlässigen Vermeidbarkeit von Krankheit und Behinderung.
97% aller Kinder kommen gesund bzw. nicht-behindert zur Welt. Wenige Krankheiten und Behinderungen sind vorgeburtlich diagnostizierbar oder gar heilbar. Dessen ungeachtet ist es häufig nicht nur „normal“ geworden, das pränataldiagnostische Angebot in Anspruch zu nehmen, es wird vielfach erwartet.

Der Wunsch nach einem „gesunden“ Kind ist auf der persönlichen Ebene durchaus verständlich. Trotzdem muss die gesellschaftliche Dimension der Pränataldiagnostik betrachtet werden: Der individuelle Wunsch nach einem gesunden bzw. nicht-behinderten Kind kann zum Zwang werden, ein „perfektes“ Kind zu gebären.
Es entsteht der Eindruck der Machbarkeit von Menschen mit bestimmten Merkmalen. Die Konsequenz daraus ist, dass Kinder, die nicht der gewünschten Norm entsprechen, ausgesondert werden.

Ein medizinisch-technisch orientierter Blick auf die Schwangere prägt das Erleben von Schwangerschaft und Geburt nachhaltig. Im Vordergrund steht nicht mehr die Förderung der Gesundheit der schwangeren Frau, sondern die Überwachung der normgerechten Entwicklung des Ungeborenen.

Um Angst und Risiko vor einem kranken bzw. behinderten Kind zu verringern, werden so viele pränataldiagnostische Verfahren in Anspruch genommen wie möglich. Diese Untersuchungen können einerseits schwangere Frauen beruhigen, andererseits neue Ängste erzeugen. Angst kann jedoch durch technisierte Untersuchungen nicht aus der Welt geschafft werden.

Argumente, die vorgebracht werden, um PND als Vorteil darzustellen

Als großer Vorteil wird oft gesehen, dass:

  • sogenannte Fehlentwicklungen des Kindes frühzeitig erkannt werden können.
    Anmerkung: Die Forschung ist bestrebt, Verfahren zu entwickeln, mit denen genetische Auffälligkeiten wie Trisomie 21 immer früher, schneller und genauer erkannt werden können. Wir wissen, dass in 95 % der Fälle, bei denen Trisomien festgestellt werden, ein Schwangerschaftsabbruch die Folge ist. Der „Vorteil“ wäre somit ein früherer Schwangerschaftsabbruch, der vielleicht nicht so belastend für die Frau ist wie zu einem späteren Zeitpunkt. Der Tatsache der Selektion des Föten bleibt allerdings bestehen.
  • medizinische Behandlungen ggf. schon im Mutterleib durchgeführt werden können. Anmerkung: Operationen im Mutterleib sind heute durchführbar. Sie sind allerdings im Versuchsstadium. Behandlungen im Mutterleib wie bei Blutgruppenunverträglichkeit oder Flüssigkeitsstau in Nieren oder Gehirn sind eine Form der vorgeburtlichen Therapie, die im individuellen Fall durchaus ein Vorteil sein können. Diese Einzelfälle rechtfertigen allerdings nicht die Screening-Verfahren, bei denen sich alle schwangeren Frauen dem „Risikoblick“ aussetzen müssen.
  • die werdenden Eltern sich psychisch auf mögliche Beeinträchtigungen ihres Kindes einstellen und notwendige Behandlungen direkt nach der Geburt eingeleitet werden können. Anmerkung: Dass Eltern auf mögliche Beeinträchtigungen vorbereitet sind, ist für manche ein Vorteil; andere wieder möchten ihre Schwangerschaft und Geburt genießen und Maßnahmen dann ergreifen, wenn sie notwendig sind.

Eine Diagnose gibt keinen Aufschluss über das tatsächliche Ausmaß der Behinderung oder über deren Bedeutung und Auswirkung auf das Leben dieses Kindes.

Pränataldiagnostische Untersuchungen bieten keine hundertprozentige Sicherheit, Fehlbildungen des Ungeborenen zu erkennen. Zum einen, weil keine Methode alle möglichen Defekte untersucht, zum anderen, weil alle Befunde auch Fehler aufweisen können. Außerdem entwickeln sich einige Fehlbildungen von alleine wieder zurück und die Sorgen der Eltern erweisen sich im Nachhinein als unbegründet.
PND suggeriert die Machbarkeit „gesunder“ Kinder. Trotz noch so vieler Kontrollen und Untersuchungen kann die pränatale Diagnostik keine gesunden Kinder schaffen. Sie gibt sehr viele Informationen, ohne auf die Konsequenzen dieser Informationen Rücksicht zu nehmen.

Ein pathologischer Befund bringt die werdenden Eltern in den schwerwiegenden Konflikt, sich für ein Leben mit einem behinderten Kind oder für einen Schwangerschaftsabbruch zu entscheiden. Ein Schwangerschaftsabbruch nach einer Diagnose heißt eine eingeleitet Geburt zu einem späten Zeitpunkt der Schwangerschaft. Die Frau muss ein vielleicht sehnlichst gewünschtes Kind zu Tode gebären.

Schwangerschaft ist Ausdruck von Gesundheit. Dennoch ist jede Schwangere mit einer Vielzahl von Untersuchungen konfrontiert, die weit über das empfohlene Maß hinausgehen. Den Ambivalenzen und dem Bedürfnis nach Sicherheit wird großteils mit medizinischen Angeboten und PND begegnet. Psychosoziale Belastungen wie traumatische Ereignisse, Stressbelastung und geringe soziale Unterstützung werden hingegen als Risikofaktoren in der Schwangerschaft kaum beachtet.

Eine stärkere Einbindung von Hebammen in die Schwangerenvorsorge könnte die Schwangere optimal begleiten und auf die Geburt und die Zeit danach vorbereiten. Zusätzlich sollte ein Netzwerk von ExpertInnen zur Verfügung stehen - u.a. BeraterInnen, GeburtsvorbereiterInnen, OsteopatInnen, PädagogInnen, PsychologInnen oder PsychotherapeutInnen - auf das Frauen/Paare bei Bedarf zurückgreifen können.

Großteils sind die pränataldiagnostischen Untersuchungen privat zu bezahlen und kosten je nach Anbieter unterschiedlich viel. Aktuell werden drei Ultraschalluntersuchungen von der Krankenkasse bezahlt.

Weder Ultraschalluntersuchungen noch diverse andere Methoden sind verpflichtend für den Erhalt des Kinderbetreuungsgeldes.

Wenn bei Ihnen vor/während/nach pränataldiagnostischen Untersuchungen Fragen, Sorgen oder Unsicherheiten bestehen, sind wir bemüht, Ihnen möglichst rasch einen kostenfreien Termin zu einem Beratungsgespräch mit einer Hebamme und Pränataldiagnostikberaterin anzubieten – wertschätzend und ergebnisoffen.
Terminvereinbarung während unserer Öffnungszeiten unter 01/4088022 oder
freie-hebammmen@hebammenzentrum.at.

 

Die pränataldiagnostischen Methoden im Überblick

Nicht-invasive Methoden (ohne Eingriff in den Körper der Frau)

Ultraschalluntersuchungen gehören zur PND, da bei jeder Untersuchung Auffälligkeiten oder Abweichungen beim Ungeborenen entdeckt werden können

Bluttest

Genetisches Material wird ab der 9. Schwangerschaftswoche (SSW) über das Blut der Mutter untersucht, um Trisomie 13, 18, und 21 zu "diagnostizieren". Geschlechtschromosomen können mit untersucht werden. Diese Möglichkeit besteht in Österreich seit August 2012.

Nackentransparenzmessung

Ultraschallmessung in der 11. bis 14. SSW, fast immer über die Bauchdecke.
Die Methode misst die Dicke der Nackenfalte (Gewebsflüssigkeit im Nacken) beim Kind. Die Untersuchung gibt einen Hinweis auf Down-Syndrom sowie andere Chromosomenveränderungen und auf Herzfehler.

Combined Test

Ultraschall in der 11. bis 13. SSW und 2 Labortests aus dem mütterlichen Blut. Die Untersuchung ist eine Wahrscheinlichkeitsberechnung für Trisomie 13, 18 und 21.

Organscreening

detaillierte Ultraschalluntersuchung in der 20. bis 22. SSW
Untersuchung der inneren Organe, Extremitäten und Körperkonturen auf Auffälligkeiten,
Hinweis auf Trisomie 21.

 

Invasive Methoden (mit Eingriff in den Körper der Frau)

Chorionzottenbiopsie

in der 11. SSW
Mittels Einstich einer Punktionsnadel durch die Bauchdecke wird Gewebe aus der Plazenta gewonnen. Der Eingriff findet unter Ultraschallkontrolle und unter lokaler Betäubung statt. Gewinnung kindlicher Zellen, um sie auf zahlenmäßige und strukturelle Chromosomenveränderungen zu untersuchen.

Amniozentese (Fruchtwasserpunktion)

in der 16. SSW
Einstich einer dünnen Nadel durch die Bauchdecke und Fruchtblase (Amnion) unter Ultraschallkontrolle. Entnahme von Fruchtwasser in eine Spritze und Anlegen einer Zellkultur. Gewinnung kindlicher Zellen, um sie auf zahlenmäßige und strukturelle Chromosomenveränderungen zu untersuchen.

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