BUCHBESPRECHUNG

Gebären ohne Aberglauben - Fibel und Plädoyer für die Hebammenkunst

 

Autor: Dr. Alfred Rockenschaub
Lektorat: Ulrike Ploil
Herausgeberinnen: Verein freier Hebammen


Eine fortschrittliche Hebammengeburtshilfe und die moderne Geburtsmedizin weisen einige grundsätzliche Unterschiede auf. Die Hebammengeburtshilfe geht vom Aspekt der Assistenz für eine besondere weibliche Leistung aus. Die Geburtsmedizin mitsamt ihren geburtspsychologischen Helfershelfern gehen von der Zerlegung aus (Anatomie, Analyse), die Hebammengeburtshilfe von der sozial zu integrierenden weiblichen Persönlichkeit.

 

Das Buch ist im Hebammenzentrum erhältlich.

 

Textausschnitt
1. Erbe der Vergangenheit: Entbindungstechnik

Im Altertum war die Hebammenkunst ein hoch angesehenes Metier, was in der römischen „Nobilitas obstetricum” beredten Ausdruck fand. Im Mittelalter verloren sich die Spuren der Hebammenkunst im Dunkel der Inquisition. Erst in der Renaissance begannen sich die Hebammen wieder auf die alte Kunst der „Nobilitas obstetricum” zu besinnen.
Der Aufbruch dauerte jedoch nicht lange. Denn die Hebammen, von den Ärzten gleichermaßen geringgeschätzt wie die Feldschere (Chirurgen), schlossen sich an diese an, wonach die Geburtshilfe alsbald in die Hände der Chirurgen kam und die Hebammenkunst, noch bevor sie sich von der mittelalterlichen Misere ganz erholte, bereits wieder anhob zu entarten. Mit der Einmischung der Wundärzte in die Geburt vor gut 300 Jahren verkam die Hebammenkunst zum Entbindungshandwerk. Dieses besteht bis heute in nichts anderem, als die Feten durch die Scheide oder eine Schnittöffnung des Bauches (Kaiserschnitt) mit wechselndem Geschick aus dem Mutterleib herauszuziehen. Was mit den Gebärenden im Allgemeinen getrieben wurde, war ein grausames Massaker, dem der hygienische und soziale Fortschritt nach und nach ein Ende machte.
Als es nicht mehr zu leugnen war, dass die tödlichen Komplikationen vornehmlich auf die Eingriffe und Operationen zurückzuführen waren, wurde man vorübergehend „konservativ”, das heißt, man überließ eine Zeitlang die Geburt weitgehend den Kräften der Natur. Dies änderte sich aber wieder, als 1893 zwei Syndrome beschrieben wurden, deren Risken man alsbald für bedenklicher erklärte als die handwerklichen Entbindungskünste. Das Eine dieser neuen Fährnisse bezeichnete man als Gestose, das Andere als drohende intrauterine Asphyxie. Anhand dieser neuen Syndrome begann man nun in schwungvoll zunehmendem Maße „Risikoschwangerschaften” zu diagnostizieren und diese vor der Zeit durch operative Eingriffe zu beenden. Doch infolge der sozialen und hygienischen Fortschritte wurden auch diese Indikationen immer rarer. Nach 1950 blieb auch von den neuen Indikationen nur mehr wenig übrig. Naturgemäß war parallel zur Abnahme des Risikos der Schwangerschaft auch das der Entbindungsoperationen wesentlich zurückgegangen. Man stand vor dem Dilemma, dass die operativen Entbindungskünste zwar als einigermaßen harmlos zu betrachten waren und doch nicht harmlos genug, um sie ganz ohne Indikation durchzuführen. So harmlos, um nach Gutdünken drauflosoperieren zu können, erwies sich also auch das moderne Entbindungshandwerk nicht. Was tun, um es zu propagieren, da doch, wie gesagt, die Indikationen weitgehend abhanden gekommen waren und für die alten Aktionisten nurmehr das dubiose Gespann von fetalem Distress und drohender intrauteriner Asphyxie übrigblieb? Da tauchte, fast in des Wortes wahrstem Sinne, ein Deus ex machina mit zwei Maschinen auf: in der einen Hand den Cardiotokographen (CTG), in der anderen Hand das Ultraschallgerät. Ob sie wirklich zu etwas nütze sind, weiß man bis heute nicht, und ob sie tatsächlich harmlos sind, weiß man auch nicht. Sie sind aber allerbestens dazu geeignet, um Indikationen für Entbindungsoperationen, vornehmlich die Kaiserschnitt-Entbindung wegen fetalen Distress, zu fingieren.
In Anbetracht der neuen Methoden gab man nun vor, die fetale Notlage beizeiten bestens erkennen, den Fetus aus seiner unwirtlichen Lage befreien und ihn außerhalb der Gebärmutter mit Hilfe der neumodernen Neugeborenenmedizin einer rosigen Aufzucht zuführen zu können. Die Müttersterblichkeit erklärte man als Maßstab der geburtshilflichen Leistung für nichtig und erhob eine gut manipulierbare Kombination der Kindersterblichkeit zum neuen Maßstab. Die Verantwortlichen der Gesundheitspolitik machen mit Hilfe der Justiz diesen Schwindel, der Abermillionen kostet, mit und liefern so Tausende Frauen ans Messer. Kein Wunder also, wenn der ordentliche Professor der Geburtshilfe in Wien - sofern man hier überhaupt von Geburtshilfe noch reden kann – kürzlich die "Vision” hatte, in Zukunft alle Frauen routinemäßig mit Kaiserschnitt zu entbinden.
In den letzten hundert Jahren sank die Sterblichkeit der Mütter und Säuglinge ebenso dramatisch wie deren Gesundheit besser wurde. Diese Erfolge, obwohl eine rein sozial-hygienische Errungenschaft, verstand das geburtsmedizinische Establishment in zweifellos sehr geschickter Weise ihrem Wirken zuzuschreiben. Es nahm allen Fortschritt, dem sie immer noch mehr im Wege steht als dienlich ist, impertinent für sich und ihr Entbindungshandwerk in Beschlag. Betrachtet man die Aktionen der Profession jedoch etwas genauer, ergibt sich nichts anderes, als dass nach wie vor die Operationsmethode gleich grob, die Indikationen gleich vage und die Therapie der Gestose und drohender Asphyxie nichts anderes als hilfloses Probieren sind. Das Entbindungshandwerk wird ohne Zweifel sehr erleichtert, wenn man die Gebärende ins Bett befördert und im Liegen niederkommen läßt. Um auch die Hebammen für die Geburt im Liegen anzuwerben, erhob man das „Leibhalten” der alten Hebammen zum Dammschutz. Damit fand man bei allen jenen Hebammen Gefallen, die sich bei der Geburt unentwegt am Genitale der Gebärenden zu schaffen machen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Solche Hebammen gibt es immer noch zur Genüge. Die Dammschutztechnik, wie sie üblicherweise in den Lehrbüchern und in der Praxis weitergegeben wird, ist viel mehr geeignet einen Dammriss zu erzeugen als zu verhindern. Mit der lehrbuchmäßigen Technik wird nämlich der kindliche Kopf vorzeitig zur Deflexion gebracht und so mit einem größeren Durchmesser, als es von Natur geschähe, über den Damm gehebelt. So wurde denn der drohende Dammriss und die Indikation zur Episiotomie vielfach unvermeidlich beziehungsweise zur Routine. Der Deal setzte sich durch, denn er war ungemein bequem. Alles war schematisierbar, vom Intervall der Schwangerschaftskontrollen über die Programmierung der Geburt bis zu den Bestellungen der Babies zur Flaschenfütterung und Neuverpackung. Letztlich ließ sich die Arbeit und ihr Horizont noch weiter reduzieren, indem man das Horchen und das Tasten durch das Deuten elektronischer Aufzeichnungen ersetzte. Der apparative Monitor wurde zum Mittel des Kontaktes, sein Orakel zur Vorschrift der Behandlung. Gar manche Hebamme fand sich bereit, für den Deal ihre geburtshilfliche Tätigkeit auf den Geburtsvorgang zu reduzieren und im Spital als Kreißsaal-Hebamme und sonst nichts zu dienen. Die viel wesentlicheren geburtshilflichen Tätigkeiten in der Ambulanz und auf den Stationen überließen sie dem Dilettantismus der Krankenschwestern und der Kinderschwestern. Die Schwangerenbetreuung entartete zur Krankenpflege, das Stillen zur Babyfütterungsmechanik.

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