Kaiserschnitt: gemeinsam die Wunden heilen.
Vortrag von Karin Lawugger anläßlich der Veranstaltung "Kaiserschnitt-Light" 2003 im WUK "Konsumschwangerschaft, Zeitaufwand - Fruchtbarkeit, Trendy Babys"
Sich die Zeit nehmen schwanger zu sein, sich innerlich vorzubereiten und in Ruhe zu gebären ist im 21. Jahrhundert nicht mehr gefragt. Schnell, geplant und schmerzfrei muss sie sein - die optimale Geburt. Die Entwicklung der Geburtshilfe in den letzten 10 Jahren spiegelt die Schnelllebigkeit und den Machbarkeitswahn dieser Gesellschaft wieder. Sind wir als Hausgeburtshebammen Exotinnen, rückschrittlich und konservativ, wenn wir das Gebären nicht reduzieren wollen auf einen medizinisch biologischen Vorgang, sondern an ein nicht fassbares, komplexes Geschehen glauben? Diese Gedanken, und eine zunehmende Besorgnis über die Situation in den Spitälern und den Umgang mit den schwangeren Frauen, hat die Hebammen des Zentrums bewogen eine Kulturveranstaltung zu organisieren. Kaiserschnitt-light - als Synonym für die zur Zeit herrschende Geburtshilfe. Der Ausverkauf des weiblichen Körpers macht auch vor dem Lebensabschnitt Schwangerschaft – Geburt nicht halt. Der Körper der Frau wird zur nährenden Hülle degradiert, der durch eine Vielzahl von medizinisch-technischen Untersuchungen ein geplantes, gesundes, perfektes und schönes Kind austragen soll. Die Pränataldiagnostik spricht den Schwangeren ihre eigene individuelle Wahrnehmung und "Empfindlichkeit" ab. Es ist nicht entscheidend, was Frau in ihrem Inneren spürt und fühlt (keine, wie die Soziologin und Historikerin Dr. Barbara Duden betont, Zeit der Guten Hoffnung) sondern es ist entscheidend, welche Daten, Abmessungen bei Ultraschall-Untersuchungen, Nackentransparenzmessung, Triple Test, Organscreening etc. berechnet und mit Tabellen verglichen werden. Warum dieser Wertewandel? Gebären ist nicht niedlich und idyllisch. "Epidurale" – schmerzfreie Geburt macht Frauen mundtot. Diese allgemeine medizinische Entwicklung nimmt Schwangeren den Glauben an ihre Fähigkeit zu gebären, obwohl Kinderkriegen seit Anbeginn der Evolution perfekt funktioniert. Als Hausgeburtshebammen fühlen wir uns manchmal als Exotinnen, wenn wir für eine Geburt in einem sozialen Umfeld eintreten. Bei einer intensiven kontinuierlichen Hebammenbetreuung können wir immer wieder erleben, wie gestärkt und kraftvoll Frauen aus einer durchlebten Geburt hervorgehen. Dieses Durchhalten gibt ihnen auch die notwendige Ausdauer im Umgang mit ihrem veränderten Familienleben, z.B. schlaflose Nächte, schreiende Babys. Gebären ist eine menschliche Initiationserfahrung, die Frauen auf psychischer, körperlicher, sexueller und sozialer Ebene verändert. Eine vaginale, aufrecht durchlebte Geburt kann Frauen in ihrem sexuellem Empfinden bereichern. Das intensive Hineinspüren, die Körperlichkeit während des Prozesses Gebären verändert das sexuelle Er-Leben eines Paares nach der Geburt. Gebären ist ein frauenpolitisches, ein gesellschaftspolitisches Thema. Auf die eine oder andere Art, betrifft es jede Frau, jeden Mann und jedes Kind. Und so schließe ich mit den poetischen Worten von Jacques Gelis: "In der Form wie eine Gesellschaft ein Neugeborenes empfängt, zeigt sie ihre tiefen Ressourcen und ihr Wissen vom Leben. Wenn es etwas unabänderliches, banales, universelles aber auch heiliges im Geschehen der Geburt gibt, so ist es die Art und Weise, eine gebärende Frau zu begleiten und ein Neugeborenes zu empfangen."
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